Elfter Dezember

„Wenigstens nur mehr fünfzig Prozent“, sagte Hanno.
Winzige Nebeltröpchen schlugen gegen ihr Gesicht, als sie die Straße entlangspazierten. Ein Geländewagen fuhr vorbei.
„Wenigstens. Ist ja trotzdem noch immer Blödsinn, was die da aufführen.“
„Aber mit Öl sind sie so grauslich weich und riechen komisch,“ entgegnete der ältere Herr. Er gestikulierte mit der Thermoskanne in seiner Hand. „Sie müssen wissen, früher, da waren wir froh, wenn wir überhaupt so was hatten. Da haben wir sie manchmal selbst gegossen, aus allen Resten, die wir zuhause noch finden konnten.“
„Und die haben Sie dann einfach so abgebrannt? Ist ja Verschwendung.“
„Damals war das was Besonderes. Wir waren ja auch noch alle gläubiger damals. Weil wir geglaubt haben, für immer kann er uns ja nicht im Stich lassen, der liebe Gott.“
„Mein Vater hat in einer Fabrik für so Paraffinzeugs gearbeitet, bevor er an Lungenkrebs gestorben ist“, sagte Hanno. „Ich meine, wir verbrennen eh schon so viel davon, mit den Autos und so, da müssen wir nicht auf dem Friedhof auch noch.“
„Und außerdem kommt es ja nie wieder. Irgendwann ist alles weg. Ich werde das ja nicht mehr erleben,…“
„Aber Ihre Kinder?“
„Ich habe keine Kinder.“
„Ach ja, tschuldigung.“
„So, jetzt sind wir ja bald da.“
Das schwarze Eisentor war in Sichtweite. Jemand hatte den Efeu von der Betonmauer daneben entfernt, sodass die hellbraunen Überreste jetzt ein künstlerisch anmutendes Querstreifenmuster ergaben.
„Hundertdreißig A?“
„Hundertzweiunddreißig.“
Hanno trug die Tupperdose mit dem Klappdeckel jetzt mit beiden Händen vor seiner Brust. Der Schotterweg bot der Unterhaltung eine neue Geräuschkulisse.
„Elfi hat immer Marmorguglhupf gemacht, wenn ich eingeladen war. Er war nie ganz durchgebacken, immer mit einem speckigen Teil in der Mitte. Und immer ohne Zucker. Elfi hat nie Zucker genommen, seit ihrer Diabetes.“
„Und den haben sie immer gegessen?“
„Ich hab mir Zucker drübergestreut.“
„Ribiselkuchen“, sagte Hanno.
„Ja?“
„Von meiner Mama, der war gut.“
„Wo wollten Sie denn heute noch hinfahren?“
„Ehrlich gesagt hatte ich keinen Plan, bis Sie mich eingeladen haben.“
„Wer braucht schon Pläne?“
„Mein Vater hatte Pläne. Bis er an Lungenkrebs gestorben ist.“
„Eben. Wollen wir eins von den Lichtern schon anzünden, für Ihren Vater?“
„Warum nicht?“
Hanno zog eine zerknüllte Zigarettenpackung aus seiner Jackentasche und holte ein Feuerzeug heraus. Er zündete das Grablicht an und an ihm seine Zigarette.
„Rauchen Sie?“, fragte er.
„Nur Pfeife“, sagte der ältere Herr.
„Elfi hat geraucht, da hab ich auch kurz mal angefangen. Links.“
Das Grab war mit ungeschliffenem Granit umrandet.
„Nehmen Sie Platz,“ sagte der Herr und deutete mit der Kanne darauf.
Hanno setzte sich und stellte das Grablicht neben sich ab.
„Wie heißen Sie eigentlich?“
„Willibald. Sagen Sie Willi, wenn Sie wollen. Und Sie?“
„Hanno.“
„Komischer Name.“
„Selber.“
„Kaffee?“, fragte der Herr, während er zwei Porzellantassen füllte.
„Ich habe Kuchen gebacken“, sagte Hanno und verteilte den Marmorkuchen auf zwei Servietten.
Sie nahmen beide einen Schluck aus ihren Tassen, während sie rechts und links auf dem Grabrand saßen.
„Haben Sie Zucker?“
Der Mann zog zwei Zuckersäckchen aus seiner Jackentasche und reichte Hanno die Waage. Es waren die blauen, mit den Horoskopen darauf.
„Sie brauchen da aber keine Angst zu haben beim Kuchen, der ist vom Billa.“ Er öffnete sein Säckchen und streute es darüber.
Hanno leerte seines in den Kaffee und rührte mit dem Feuerzeug um.
„Wir hätten fast auf Elfis Kerze vergessen.“ Er zündete sie an und stellte sie in die Mitte. „Das Ambiente muss schon stimmen.“
„Elfi hat ja immer Teelichter angezündet.“
„Paraffin“, seufzte Hanno, doch der Herr ließ sich nicht unterbrechen.
„Wir haben viel gelacht. Sonntags hat ihr Mann immer gearbeitet. Manchmal war ihre Freundin auch da, die Renate. Sie konnte so schön lachen.“
„Sie haben sich nur Sonntags getroffen?“ Hanno nahm ein Stück von seinem Kuchen.
„Meistens, ja. Einmal waren wir im Zoo. Ihre Kinder hat sie aber nicht mitgenommen.“
„Sie hatte Kinder?“
„Ja, zwei. Die größere hat damals gerade mit der Schule angefangen, sie hat sie jeden Tag mit dem Auto abgeholt. Und die beiden haben immer im Garten Ball gespielt, das war schön.“
„Haben Sie dann auch mitgespielt?“
„Ach, nein, Elfi durfte ja nicht wissen, dass ich da bin. Hanno, haben Sie Kinder?“
„Nein.“
„Kinder sind das Schönste auf der Welt, wenn man einmal älter wird.“
„Finden Sie?“
„Der Kaffee ist hoffentlich nicht zu kalt?“
„Nein, geht noch.“
Es wurde langsam dunkel. Still tranken die beiden ihren Kaffee und bissen vom Marmorkuchen ab. Ab und zu gingen Menschen vorbei, schauten die beiden kurz verwundert an, dann noch einmal, dann verschwanden sie zwischen Nebel und Dunkelheit.
„Was ist dann passiert? Mit Elfi, meine ich.“
„Sie wurde von einem Krokodil gefressen.“
„Ach ja.“
„Noch Kaffee?“
„Nein, danke.“ Hanno zündete sich eine neue Zigarette am Grablicht an.
„Ist noch jemand eingeladen?“, fragte Hanno.
„Ach, nein. Aber schön dass Sie sich Zeit genommen haben. Elfi und ich sind ja sonst immer so allein.“
„Gut dass kein Schnee liegt.“
„Warum?“
„Ich mag keinen Schnee.“
„Marmorkuchen mögen Sie?“
„Sonntags gerne. Mein Vater wollte ja sonntags lieber Bier statt Kuchen, bevor er an Lungenkrebs gestorben ist.“ Hanno drückte seine Zigarette in der Graberde aus.
„Sie könnten noch eine für Elfi rauchen“, meinte der Herr.
„Aber nur, wenn Sie auch eine nehmen.“
„Ach, die guten alten Zeiten,“ sagte der Herr, nachdem er eine Rauchwolke gegen die Inschrift geblasen hatte. „Gehen wir.“
Hanno packte die Reste in die Tupperdose und schüttete den Satz aus den Kaffeetassen. Sie standen auf. Es war dunkel geworden.
„Nehmen sie die Kerze von ihrem Vater lieber mit, damit Sie was sehen“, meinte der ältere Herr.
„Nein, die brauche ich nicht. Vielleicht hätten sich er und Elfi und er ja auch ganz gut verstanden.“
„Vielleicht auch nicht.“
Hanno stellte die Kerze auf ein anderes Grab. „Wie auch immer.“
„Ich glaube, Elfi mag Sie auch.“
„Haben Sie an Weihnachten schon was vor?“
„Warum?“
„Ich dachte nur.“
„Kaffee und Kuchen?“
„Ja.“
„Gerne.“
„Dann machen wir das so?“
„Machen wir.“
„Bis bald, Elfi.“
„Bis bald, Elfi.“

Ein Kästchen von @mi_late

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