Zweiter Dezember

Noah.

– Für einen Freund.

Er befand sich am Straßenrand, direkt gegenüber des S- und U-Bahnhofes, und starrte leer den vorbeifliegenden Motorengeräuschen hinterher. Es war dunkel und kalt und er war allein, ganz allein, und stand dort im Schnee. Er, das war Noah, der Junge, der nicht gesehen wurde und der niemanden sah. In der rechten Hand, die, ebenso wie seine linke, von einem löchrigen, fingerlosen schwarzen Handschuh bedeckt wurde, hielt er ein Buch. Er klammerte sich an diesen Papier- und Buchstabenhaufen, als sei es sein Leben. Er trug eine einfache dunkelbraune Stoffmütze, einen dicken, aber für ihn zu kleinen grauen Mantel, ausgewaschene, ausgebeulte Jeans, die am rechten Knie leicht zerschlissen war, und ehemals schwarze Stoffschuhe. Er stand dort und lauschte, drückte das Buch mit der Rechten an seine Brust. Sein Herz schlug schnell, aufgeregt, und ihm war, als würde es ihm aus der Brust springen wollen, als bräche es ihm die Rippen. Er fasste das Buch fester. Seine Nägel gruben sich in das Papier, er atmete die eiskalte, scharfe Luft tief ein. Er lauschte, und dann ging er einen Schritt auf die Straße zu. Ein aufgebrachtes Hupen von links war zu hören, er ignorierte es aber, atmete tief und lief langsam geradeaus über die Straße.

Noah dachte dabei an Lichter, und wie er dem Licht entgegen lief. Licht, dass er hier nicht sehen, dafür aber spüren konnte. Er spürte, wie das unsichtbare Licht ihn zu sich zog, und wie der Schnee unter seinen kalten, durchnässten Füßen zusammengedrückt wurde. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen und blendete dabei das Getöse in seiner Umgebung vollkommen aus. Für einen Moment bestand er nur noch aus Gefühl und Instinkt. Wie in Trance steuerte er auf die andere Straßenseite zu und kam erst wieder zu sich, als er einen festen Druck an seinem rechten Oberschenkel spürte. Wie durch Watte hörte er das Hupen, es wurde langsam lauter und klarer, bis ihm bewusst wurde, dass er mitten auf der Hauptstraße stand und das Auto ihn beinahe überfahren hatte. Er begann zu zittern.

Das Buch noch immer an die Brust gepresst, spürte er eine Hand, die seine linke griff und ihn vorwärts, in Richtung des Bürgersteigs zog. Er stolperte benommen hinterher, spürte das Licht nicht mehr, dem er gefolgt war. „Junge, bist du lebensmüde?“ fragte eine alte, traurige Stimme. Seine Hand wurde noch immer gehalten. Es war warm und kribbelte unangenehm, und er versuchte sie aus dem Griff zu lösen, was ihm nicht gelang. Stattdessen presste er sein Buch fester an sich. „Pass auf, Kleiner“, sagte die Stimme. „Du zitterst ja. Komm. Ich kauf dir einen Kakao.“

Noah ließ sich widerwillig mitschleifen. Am liebsten hätte er protestiert, doch er konnte nicht, er konnte noch nie. Die warme Hand hielt seine fester, zerrte fast. Das unangenehme Kribbeln in seinen Fingern wich wahrem Schmerz. Aber Noah schwieg. Die Stimme redete noch immer auf ihn ein, fragte, wer  er sei, und warum er mitten in der Nacht blind auf die Straße spaziere wie ein Wahnsinniger. Noah schwieg. Die traurige Stimme erzählte, sie hätte sich erschrocken, und hatte selbst mal miterlebt, wie ein Kind angefahren wurde. Sie redete und redete aber Noah schwieg noch immer. Er hörte auch nicht zu, wenn es doch den Anschein hatte. Er ließ sich von der Hand der Stimme führen, und dabei waren seine Gedanken längst wieder an einem anderen Ort.

Er stand auf einer Wiese, es war Spätsommer. Die Blumen blühten in allen nur erdenklichen Farben und brachten das lange, im Wind wogende Feld zum Leuchten. Er lief der Sonne entgegen in die Ewigkeit dieser Wiese hinein, und am Ende der Wiese stand …

Mit einem Stoß wurde er zurück ins Jetzt befördert. „Entschuldigung“, sagte die Stimme. Aber nicht zu Noah. Er hörte das Stimmengewirr hunderter Menschen und duckte sich instinktiv. Von überall schienen sie zu kommen und er konnte ihre Blicke auf sich kleben spüren. Kalt lief ihm der Schweiß den Rücken hinunter. Er hasste diese Art der Begegnung mit Fremden. Der Raum, in dem sie nun waren, und es musste ein Raum sein, denn er spürte den Windzug nicht mehr, war groß und klang hohl. Schuhsolen trampelten wie lauter Regentropfen auf den Boden. Irgendwo unter ihnen bebte die Erde, als eine U-Bahn einfuhr. Die traurige Stimme zog plötzlich wieder an seinem Arm, als sie sich in Bewegung setzte, und Noah ließ sich wieder mitziehen. Er sah, wie diese Stimme ihn zwischen all den Menschen hindurch manövrierte, beinahe tanzend allem auswich, das im Weg stand. Er hing wie ein plumpes Bündel am Arm dieser Stimme. Als sie sich langsam den Weg durch die Massen bahnten, schloss Noah die Augen, und blickte noch einmal der Sonne entgegen.

… Dort am Ende der Wiese stand sie, und sie lachte und rief seinen Namen. „Noah, komm!“, und sie drehte sich im Kreis, bis sie umkippte. Noah rannte ihr entgegen, mit ausgebreiteten Armen, lachte laut und frei und freute sich so sehr, mit ihr hier sein zu dürfen, auf dieser Wiese, im Spätsommer, zwischen all den strahlenden Blumen, die beinahe genauso bunt leuchteten wie sie. Er rannte und rannte, und die Gräser schlugen ihm gegen die nackten Waden. Völlig außer Atem blieb er inmitten der Blütenpracht stehen und sog die warme Luft tief ein. Er beugte sich runter, stützte die Hände auf die Knie und versuchte, seinen rasenden Herzschlag zu beruhigen.

„Setz dich, Junge.“ Die traurige Stimme klang erwartungsvoll. Wo auch immer er war, es war sehr viel wärmer als noch vorhin in der großen Halle, und es roch nach Kaffee und Apfelkuchen. „Möchtest du ein Stück Apfelkuchen zu deinem Kakao?“ Er nickte stumm. Seine Gedanken folgten den Schritten der Stimme an den Tresen, hörten, wie Apfelkuchen und Kakao mit Sahne bestellt wurden. Dabei mochte er gar keine Sahne in seinem Kakao. Aber Unhöflichkeit lag ihm fern, und er beschwerte sich nicht, als ihm die Tasse vor die Nase gestellt wurde. „Kleiner“, sagte die Stimme. „Warum starrst du so traurig?“

Noah richtete sich auf, sein Atem ging noch immer schnell. Sein Herz raste wie verrückt. Er rannte langsam weiter, sprintete nicht mehr auf das Ende der Wiese zu, versuchte aber trotzdem, sich zu beeilen. „Luca!“, rief er. „Luca, wo steckst du?“ Sie antwortete ihm nicht. Er konnte nicht so schnell atmen wie seine Lunge nach Luft verlangte, und begann zu husten. Er bekam ein wenig Angst, weil sie nicht auf seine Rufe reagierte. „Das ist nicht witzig! Lass das!“ verlangte er zwischen den krampfhaften Hustenanfällen. Die Farben der Wiese verschwammen vor seinen Augen. Er bekam keine Luft. „Luca!“, rief er noch einmal. Blieb stehen. Atmete tief ein und aus, bis ihm nicht mehr schwindlig war.

Er senkte den Blick. „Mir tut leid, dass ich Sie so erschrocken habe.“ Schweigen. „Ich wollte niemandem Angst machen.“ Noch immer schweigen. „Ich wollte doch nur zu ihr laufen“, fügte er leise hinzu und umfasste mit der freien Hand seinen Kakao. „Ist schon okay“, sagte die Stimme. „Zu wem?“

„Hier bin ich!“ Ein Lachen folgte. Er war ein wenig wütend auf sich selbst, weil sie ihn noch immer so hinters Licht führen konnte, ohne dass er etwas davon bemerkte. Er richtete sich auf, und die Sonne verschwand für einen Augenblick hinter einer Wolke. Das Feld wirkte nun gar nicht mehr so bunt. Es sah ausgewaschen, alt, vertrocknet aus. Irgendwie tot. Er fror in der warmen Sommerluft. Langsam setzte er sich in Bewegung und lief wieder dem Ende der Wiese entgegen. Seine Beine juckten vom Gras als hätten tausend Mücken ihn gestochen, seine Knie zitterten und der Angstschweiß klebte ihm sein Shirt an den Rücken. Er ging ein paar Schritte weiter, und da lag sie, und grinste ihn an. Ihr rotblondes Haar hing im Gras, und ihr buntes Kleid lag in tausend Falten. Er warf sich neben sie. Atmete tief ein und wieder aus. Die Sonne kam wieder hinter der Wolke hervor. „Mach das nie wieder.“

Er nahm einen großen Schluck seines Kakaos und zog eine Grimasse, als er die Sahne schmeckte. „Kleiner“, sagte die Stimme, „sag mal, wie alt bist du überhaupt?“ „Fünfzehn.“ „So jung und schon so traurig?“ Er antwortete nicht, stattdessen krallte er sich an seinen Kakao. Er kannte diese Stimme nicht, und auch wenn sie nett zu sein schien, wusste er doch nicht, ob er ihr trauen konnte. „Bitte“, stammelte er, „lesen Sie mir ein bisschen aus meinem Buch vor?“ Schweigen. „Nur ein wenig…“ „Na gut, zeig mal her.“ Er legte sein Buch nun auf den Tisch. Es hatte einen roten Umschlag und wirkte in seiner Sterilität wie ein Fremdkörper auf dem schmutzigen Tisch im Bahnhofscafe. „Seite 109. Der Brief, erster Absatz.“

Nicht eine Minute willst Du von unserer letzten Nacht verschlafen, hast Du gesagt, und jetzt schläfst du, mein Lieber. Erinnerst Du Dich an die Jünger auf dem Ölberg? Vielleicht schlafen wir immer, wenn wir es am wenigsten dürften. Ich könnte Dich wecken, damit du mit mir wachst. Aber was hülfe es? Einmal muss ich doch heulen, wie ich jetzt heule, und da ist es schon besser, ich tu es jetzt, wo es nur drei Schritt ist bis zu Dir oder ein Wort.

„Danke.“

Die Sonne schien, wärmte ihn aber nicht. „Ich weiß nicht, ob ich irgendwann mal ohne dich leben kann.“ Luca blickte ihn an. „Kannst du“, antwortete er. „Ich weiß nicht, ob ich ohne dich leben will.“ „Musst du nicht. Ich bin da.“ Sie war schön, wie sie hier im Gras lag und ihn so ernst ansah. Er hätte sie wohlmöglich geliebt, wenn sie nicht seine Schwester wäre. Nicht blutsverwandt, aber doch so viel mehr als nur Freunde. Ihre Augen waren so grün und ihr Haar so glänzend und ihre Stimme so vertraut und ihre Bewegungen so geschmeidig. Niemand kannte ihre Gedanken so wie er, und niemand würde sie wieder so kennen lernen.

„Zu meiner Sonne. Meiner Schwester.“ Er spürte, wie das Buch zugeklappt und zurück über den Tisch geschoben wurde. Er griff es, und die Hand der Stimme legte sich auf seine. Sie war warm, aber diesmal nicht so unangenehm wie vorhin im Schnee auf der Straße. „Sieh mich an, Kleiner. Starr nicht so traurig, ich bitte dich.“ „Ich kann nicht.“ Wie viel Wahrheit in dieser einfachen Antwort lag, begriff die Stimme erst jetzt.

„Für immer, nicht wahr, Noah?“ „Natürlich. Du bist doch meine Schwester. Und Geschwister können niemals ohne einander.“ Sie lagen da, im hohen Gras, auf einem Feld, und waren glücklich, solange es anhielt. Luca las ihm vor, erzählte großartige Geschichten aus fremden Ländern oder zeigte ihm die Wolken, die aussahen wie Tiere. Sie phantasierten sich in andere Zeiten, andere Welten, lebten in der Zukunft und in der Vergangenheit zugleich, teilten alles und noch sehr viel mehr. Als die Sonne sich dem Horizont näherte, lagen sie noch immer nebeneinander im hohen Gras. Als Noah sagte, er müsse langsam los, fragte sie ihn, was er denke, wie viele Mohnblüten wohl auf diesem Feld blühten. „Ich weiß nicht“, sagte er. „Vielleicht tausend. Vielleicht Millionen. Aber bestimmt nicht so viele wie es Sterne gibt.“ Sie lächelte. Schweigend standen sie auf, liefen langsam bis ans Ende des Feldes, nahmen ihre Fahrräder vom Boden auf und fuhren los. Bedächtig und still, bemüht möglichst wenig Geräusche zu machen, fuhren sie zurück in das kleine Dorf. Ein Motorengeräusch kündigte ein Auto in der Ferne an.

„Ich bin blind.“

Sie hörten es, konnten es aber nicht lokalisieren. Es wurde mal lauter, mal leiser. Luca ließ einen Fuß vom Pedal gleiten und durch das hohe Gras am Straßenrand streifen. Löwenzahnsamen flogen durch die Luft. Sie schloss die Augen und lachte leise vor sich hin. Noah war fasziniert von so viel Energie. Wie gebannt beobachtete er sie. Die leicht gewölbte, gepflasterte Straße verloren beide aus dem Blick, sie fuhren völlig in sich selbst versunken.

„Es war ein Unfall.“

Von rechts kam ein Auto aus einer Seitenstraße geschossen. Viel zu schnell und laut hupend durchbrach es die anmutige Stille. Ein Geländewagen, wie Noah später erfuhr. Er hatte sie als erstes erfasst und gegen einen der Kirschbäume katapultiert. Er wurde nur gestreift, in einen Graben geschleudert.

„Ich kam erst nach drei Tagen wieder zu mir.“

Sein Gesicht landete im rostigen Stacheldraht. Ihr brach es unter anderem einige Halswirbel an, die gebrochene Rippe bohrte sich in ihren linken Lungenflügel. Der Krankenwagen kam erst nach 20 Minuten. Der Fahrer kam mit einem Schock davon.

„Sie starb, nachdem sie einige Wochen im Koma gelegen hatte. Mir hat er an dem Tag nicht nur mein Augenlicht genommen.“ Seine Hand lag noch immer auf dem Buch. Die Stimme hatte sie die ganze Zeit über gehalten und hielt sie weiter. „Alles, was mir von ihr blieb, war die Erinnerung, dieses Buch, und die Frage, wie viele Mohnblumen wohl auf diesem Feld blühten. Und wir werden es niemals herausfinden.“

Ein Kästchen von @zeitverzoegert.

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